Tallinn – Saka, ca. 290 km. Toll, toll, toll…

Erst mal begann der Tag nicht so gut. Der beim Sturz abgegangene Koffer wollte nicht halten. Der Verriegelungshaken war abgebrochen. Warum auch immer es noch zwei Tage gehalten hatte, heute ließ er sich nicht einrasten. Kurz entschlossen behob ich das Problem mit zwei Spannriemen (gut wenn man alles dabei hat) die sollten auch nur verhindern, dass der Koffer aus der Führung springt. In der eigentlichen Halterung saß er ja fest. Und schon könnte es losgehen. Ich hatte mir vorgenommen heute bis zum Peipus See zu kommen.

Aber vorher wollte ich noch die unendlich vielen Zacken der estnischen Nordküste abfahren. Es empfing mich ein stürmischer, böiger Wind, der mich im Laufe des Tages noch oft in die Schräglage zwingen sollte. Am Anfang war es noch nicht so schön. Zu viel Häuser, zu wenig Landschaft. Aber dann…… Kap für Kap wurde es immer schöner.

Dann sah ich ein Schild an der Straße „Jägala Waterfall“. Kurz entschlossen bog ich ab und gelangte an den Wasserfall. Auf dem Parkplatz standen vier, mindestens genauso wie meine, bepackte Motorräder aus Deutschland. Darunter auch zwei „AfricaTwin“. Unten am Wasserfall traf ich die Jungs. Eine lustige Truppe die sich erst im Laufe der Reise gefunden, getrennt und wieder gefunden hatten. Wir posieren noch etwas für die tollen Fotos und dann ging das fachsimpeln und vor allem Informationen austauschen los. Sie zeichnen mir tolle Plätze und hilfreiche Adressen in die Karte ein. Empfehlen mir noch einige schöne Offroad und Schotter Pisten. Ich stelle fest, dass ich nicht der einzige bin der der Schwerkraft Tribut zollen musste. Auch bei ihnen ging es nicht ohne Stürze ab und einer hat gleich ganz den rechten Spiegel verloren. Allerdings stimmen wir auch schnell überein, dass meine Plastekoffer nicht so ganz das richtige für solche Touren sind. Leider fahren sie aber nach Tallinn und morgen mit der Fähre nach Hause. Heute übernachten sie beim Schwiegervater des einen. Ja, er ist mit einer Estin verheiratet. Wir fahren noch zwei Kilometer zusammen, dann trennen sich unsere Wege. Schade. Wäre wirklich lustig mit ihnen gewesen. Sie haben mir so viel Tipps gegeben, dass ich eigentlich noch drei Tage in dieser Ecke bleiben müsste. Ich fahre in den Lahema Nationalpark. Ab jetzt wird es richtig toll. Schöne, schmale Straßen die sich an der Küste entlang ziehen. Und immer wieder suche ich Abkürzungen über Feld-und Waldwege. Das macht richtig Spaß, ist aber sowohl anstrengend als auch schwierig. Die Wege sind zum großen Teil durch den Regen,auch letzte Nacht hat es geregnet, nass und schlammig. Auch heute komme ich den Boden wieder etwas näher. Aber es ist nur ein kleiner Ausrutscher. Wenigstens weiß ich jetzt, dass der rechte Koffer hält. Immer wieder verläuft die Straße nur weniger Meter neben dem Wasser und ich genieße tolle Ausblicke. Dann sehe ich einen riesigen Schwarm Schwäne im seichten Wasser. Ich bin begeistert und völlig hin und weg. So hatte ich es mir vorgestellt. Nur das es noch schöner ist als erwartet.

Kaberneeme, Aala, Vilnistu, ein Ort schöner als der andere gelegen. Ein Kap nach dem anderen klappere ich ab. Wenn ich nicht auf Abwegen fahre, genieße ich die tolle Straße. Gut asphaltiert und unendlich viel Kurven und Kürvchen. Kaum ein Stück das mal mehr als vierhundert Meter gerade ist. All das macht irre Spaß, kostet aber Zeit. Mir wird klar, dass ich es heute definitiv nicht zum Peipus See schaffe. Also bummele ich erst recht. Die Jungs hatten mir Käsmu ans Herz gelegt. Und tatsächlich. Ein sehr schöner Ort. Dazu gibt es noch ein winziges privates Seefahrtmuseum. Käsmu wird auch das Dorf der Kapitäne genannt, da hier früher eine große Kapitänsschule war und über fünfzig Segelschiffe am Ort gebaut wurden und hier ihren Heimathafen hatten. Das Museum ist echt interessant und ich bekomme sogar ein Wikingerschwert zu sehen und anzufassen. Überhaupt darf hier alles angefasst werden. Sogar ein Nachbau eines Wikingerschiffs liegt in der kleinen Bucht vertäut. Auch hier gibt es den obligatorischen Wachturm. Ein Überbleibsel aus der Sowjetzeit. Überall an den Kaps und an der Küste trifft man auf diese Türme und Gebäude.

Ich beschließe dann doch noch etwas Strecke zu machen und fahre weiter. Die Straße bleibt so schön, bis ich nach Kunda auf die 1 nach Narva stoße. Im Gegensatz zu den letzten Stunden, wo ich so gut wie gar keinen Verkehr hatte, ist nun jede Menge los. Estnisch-russischer Grenzverkehr. Und in Estland sind jede Menge russische Touristen unterwegs. Von hier sind es nicht mal mehr zweihundert Kilometer nach St. Petersburg. Nun reicht es mir aber doch. Es ist schon fünf durch und ich will runter von dem Bock. Mein Navi zeigt mir einen Campingplatz bei Saka an. Ich machte mit keine Hoffnungen auf einen besonders guten Platz und bin völlig überrascht. Da ist ein wunderbar an einer Steilküste gelegenes Hotel mit Bungalows und schöner Zeltwiese. Ein deutscher VW Bus und ein finnisches Wohnmobil stehen schon dort. Ich erkundigte mich an der Rezeption nach den Preisen. Zimmer 65 Euro, Bungalow 35 und Zeltübernachtung 3,50 Euro. Natürlich baute ich mein Zelt auf. Die Finnen kommen und erzählen mir voller Begeisterung, dass das Restaurant hier super sei und sehr preiswert. Hunger habe ich. Nach mehr als acht Stunden auf dem Bike, ohne Essen…..

Ich mache aber erst mal einen Rundgang. Der Ort ist toll. Auf einem Gebäude (sehr schön renoviertes altes sowjetisches Wachgebäude, wie ich es allerdings völlig verwahrlost schon mehrfach gesehen habe) ist eine Aussichtsplattform eingerichtet. Wow…. Die Grenzer hatten einen umfassenden Ausblick. Und hinter mir erhebt sich ein Regenbogen. Besser kann es kaum noch kommen.

Denkste 🙂

Das Restaurant ist absolute Spitze! Im Keller gelegen und ein Ambiente, dass man am liebsten die Platin Visa Karte zücken möchte. Eine edle Speisekarte und überraschend niedrige Preise. Die Kokoscreme-Hühnchensuppe ist ein Gedicht und das Hauptgericht delikat. Danach noch einen Espresso und ein derart leckerer Schokoladenkuchen….. Und das Bier kostet nur zwei Euro.

Ich bin begeistert! Das alles für deutlich weniger Geld als in Berlin.

Ein sehr schöner Abschluss, nach einem wirklich schönen Tag.

Und hier der Tourverlauf des heutigen Tages:

05_09_2012

3 Gedanken zu „Tallinn – Saka, ca. 290 km. Toll, toll, toll…

  1. Ines Bierwisch

    Hallo Piet ! Ich bin schwer beeindruckt. Ich wünsche Euch noch eine tolle Zeit und vor allem viel Glück !! Meine Adresse hast Du noch (wegen ´ner Karte für meine Sammlung !!) ? INES

    1. Piet Beitragsautor

      Hallo Ines,
      warum so ungeduldig?
      ganz ruhig, ganz ruhig……
      und warum schreibst du euch? ich bin hier ganz allein. ist aber kein Grund traurig zu sein. meistens treffe ich viele nette Leute.

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